
Das Gelände des Hafendorf Müritz hat eine wechselvolle Geschichte …
… bis ins 16. Jahrhundert gab es hier wahrscheinlich nur Wald und Ackerbau.
… danach wurde die Müritz für den Betrieb von Mühlen um einige Meter aufgestaut, das Gelände wurde überflutet und bildete zusammen mit dem Claassee einen Müritzarm. Das Dorf Rechlin (1734 erstmalig erwähnt) an der Stelle des heutigen Ortsteils Rechlin-Nord lag damit fast auf einer Insel.
… gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Bolter Kanal angelegt und der Müritz-Pegel um etwa zwei Meter gesenkt, um dadurch die Schifffahrt nach Hamburg und Berlin zu erleichtern. Das Gelände des heutigen Hafendorf Müritz fiel damit wieder trocken, der Claassee trennte sich wieder von der Müritz ab.
… 1916 begann man auf dem nur dünn besiedelten, nahezu unbewaldeten, ebenen Gelände südöstlich der Müritz mit dem Testen von Flugzeugen. Östlich des Claassees, bei Mirow und Lärz, wurden Flugplätze eingerichtet. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der Flugbetrieb eingestellt.
… 1925 wurde mit dem Aufbau der Erprobungsstelle begonnen. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 erfolgte der weitere Ausbau zur zentralen und größten deutschen Erprobungsstelle für sämtliche Land-Flugzeuge. Auf dem Gelände des heutigen Hafendorf Müritz erstreckte sich der Teilbereich „Gruppe Seehalle“ mit mehreren großen Hangars, einem Beobachtungsturm (an der Stelle des jetzigen Müritzturms) und vielen Laboratorien. Hier wurde Flugzeug-Technik getestet, wie Instrumente, Navigation, Funk, Stromversorgung, Hydraulik, Ruder, Fahrgestell und ähnliches.
… Der Stichkanal von der Müritz zum Claassee wurde angelegt und für die etwa 4.000 Mitarbeiter der Erprobungsstelle entstand schon damals eine (Segel)-Bootsverleihstation genau an der Stelle der heutigen Steganlagen. Bei Bombenangriffen 1944 und 1945 wurden die Anlagen fast vollständig zerstört.
… am 2. Mai 1945 marschierte die Rote Armee ein, beschlagnahmte die erhalten gebliebenen Wohnsiedlungen und nahm in Lärz den Flugbetrieb sofort und bis zu ihrem Abzug 1993 wieder auf. Der Ortsname Rechlin wurde auf die ab 1934 entstandene „Siedlung Vietzen“ übertragen, das bisherige Rechlin wurde „Rechlin-Nord“.
… von 1948 an entstand auf den Trümmern der „Gruppe Seehalle“, also auf dem Gebiet des heutigen Hafendorfs eine Schiffswerft. Diese entwickelte sich aus kleinsten Anfängen mit dem Bau von Booten aller Art (vom Ruderboot bis hin zu Torpedobooten) allmählich zu einem bedeutenden Hersteller von großen, sich selbst aufrichtenden, geschlossenen Rettungsbooten. Die Schiffswerft war ein Betrieb mit über 1.100 Mitarbeitern.
... Im Mai 1990 besuchte Harald Kuhnle erstmals die damalige Schiffswerft Rechlin. Damals malte man sich rosige Zeiten aus, wie „boote“ im November 1990 schrieb: „Die Schiffswerft Rechlin an der Müritz beispielsweise will schon Anfang nächsten Jahres mit dem Bau einer großangelegten Marina (200 bis 300 Liegeplätze) beginnen … Und was das Wichtigste ist, ein schwedischer Investor winkt schon über einen Berliner Makler mit einem mehrere Millionen starken Budget.“ 1991 entstand die Luftaufnahme (ganz oben), deutlich sind die großen Werfthallen zu sehen, aber auch die einzigartige Lage zwischen Claassee und Müritz.
... Im Juni 1991 führte Kuhnle Verhandlungen mit der Schiffswerft über den Bau eines neuen Bootstyps für die Mecklenburgische Seenplatte – ohne Ergebnis. Die von der Treuhandanstalt kontrollierte Werft war unflexibel und hatte überzogene Preisvorstellungen. Im April 1993 bewarb sich KUHNLE-TOURS bei der Treuhandanstalt um den Bereich der Marina im Claassee. Die Privatisierung der Schiffswerft erfolgte jedoch unverständlicherweise an ein unbekanntes, branchenfremdes Unternehmen aus Düsseldorf. Die Bewerbung wurde mit Schreiben der Treuhandanstalt vom 4. Oktober 1993 abgelehnt. Die Privatisierung scheiterte, die Schiffswerft Rechlin ging mitsamt ihren Teilbetrieben wirtschaftlich zu Grunde. Im April 1996 übernahm KUHNLE-TOURS als Pächter die Marina im Claassee. Schrittweise erfolgte die Verlagerung der Hausbootflotte von Waren (Müritz) nach Rechlin in den Claassee.
... Im Oktober 1997 rief Kuhnle im Stuttgarter Büro an: Er habe bei der Zwangsversteigerung zugeschlagen. Die Firma Kuhnle Wassersportanlagen GmbH hatte den Zuschlag bekommen und wurde Eigentümer des Geländes – des ganzen Geländes, die Marina allein war nicht zu haben. Als wir wenig später den ersten Prospekt machten, schrieben wir: „Wohnen an Land, Spaß auf dem Wasser – diese einzigartige Kombination wird jetzt an der Müritz Wirklichkeit.“ Jetzt? Keiner dachte damals, dass das Projekt so lange brauchen würde …
... Die Entwicklung des Hafendorf Müritz vom Versteigerungstermin bis heute kann man nicht anders nennen, als einen blauäugig angegangen, aber glücklich verlaufenen Kraftakt. Es erschien so einfach: Das Gelände in Parzellen aufteilen, an Ferienhausinvestoren verkaufen und fertig. Die Steine, die Harald Kuhnle aus dem Weg räumen musste, waren zahlreich und schwer. Zum Beispiel: Bebauungspläne, Kampfmittelberäumung, Umweltausgleich, Austausch von belasteten Böden, dubiose Investoren, Immobilienkrise, Finanzkrise, misstrauische Banken, utopische Abwassergebühren, ein Wrack im Claassee und und und. Die Öffentliche Erschließung (die wichtigsten Straßen, Wasserversorgung und Regen- sowie Schmutzwasserentsorgung), der Ausbau des Kanals Müritz-Claassee sowie das Strandbad Hafendorf Müritz wurden gemeinsam von der Gemeinde Rechlin und der Kuhnle Wassersportanlagen GmbH durchgeführt. Die Finanzierung erfolgte vorwiegend durch Infrastruktur-Fördermittel und Eigenmittel der Kuhnle-Unternehmensgruppe.
... 2012 erstrahlt das Hafendorf Müritz als wassertouristisches Zentrum der Müritz und der Mecklenburgischen Seenplatte: mit dem 2010 eingeweihten Strandbad, dem schicken Müritzturm, einem Flanierplatz mit Promenade am Müritzufer, Seebrücke, 150 Ferienhäusern und -wohnungen, 350 Liegeplätzen, Hausbootbasis, Werft, Minimarkt, Fahrradverleih und mit fester Bootstankstelle und demnächst Surf- und Segelstation.
Hat es sich gelohnt? „Finanziell eher nicht“, stellt Harald Kuhnle lakonisch fest. „Ach was“, unterbricht Ferienhausbauträger Christian-Otto Limburg, „unser Badestrand hat den besten Sonnenuntergang an der Müritz.“
Das Luftfahrttechnische Museum Rechlin am südlichen Ende des Claassees informiert Sie über die technischen Entwicklungen und die Geschichte in und um Rechlin. Ein Besuch lohnt sich!
Luftbild: Das Luftbild links ist vom 19. Mai 1991, das Gelände des Hafendorf Müritz befindet sich oben rechts im Bildausschnitt. © GeoBasis-DE/M-V<2010>

Turm-Abriss: Im Oktober 2003 - sechs Jahre nach der zweiten Privatisierung - wird das alte Turmgebäude abgerissen und kurz darauf wird der Müritzturm errichtet.

